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Es gibt etwas zutiefst Menschliches in dem Wunsch, sich vom Wind tragen zu lassen. Nicht wie jemand, der aufgibt, sondern wie jemand, der tanzt. Kitesurfen — mit seinem Board, seinen Leinen und diesem riesigen bunten Drachen, der den Himmel aufschlitzt — verkörpert diesen Tanz besser als jede andere Sportart. Doch um zu verstehen, wo wir heute stehen, müssen wir zurückgehen. Sehr weit zurück.
Die Geschichte beginnt in China, um das Jahr 1200 n. Chr., als die Fischer der Region Fujian rudimentäre Drachen einsetzten, um ihre Boote gegen den Wind zu ziehen. Es war kein Sport. Es war Überleben. Es war Erfindungsgeist. Es war vielleicht der erste Moment, in dem ein Mensch verstand, dass der Wind ein mächtiger Verbündeter werden kann — wenn man nur weiß, wie man mit ihm spricht.
Jahrhunderte später, in Europa, klopfte die Idee erneut an die Tür der Geschichte. Im Jahr 1826 patentierte der englische Erfinder George Pocock ein Drachensystem — das er Charvolant nannte — das Kutschen und Boote ziehen konnte. Er bewies, dass eine Luftkraft erhebliche Lasten bewegen kann, und forderte damit die Vorherrschaft des Dampfes heraus, der gerade die Welt eroberte. Niemand schenkte ihm lange genug Aufmerksamkeit. Die Welt war noch nicht bereit.
Der Quantensprung kam im Jahr 1977, als der junge amerikanische Ingenieur Gijsbrecht Panhuise ein Patent für ein System anmeldete, bei dem eine Person auf einem Board von einem parabolischen Drachen gezogen wird. Es war primitiv, fast bizarr. Aber es war das erste Mal, dass sich jemand genau das vorstellte, was wir heute Kitesurfen nennen.
Die Welt wartete noch ein paar Jahre. Dann kamen die Brüder Dominique und Bruno Legaignoux.
Es war 1984. An der bretonischen Küste Frankreichs suchten zwei Brüder, leidenschaftlich für Segeln und Wind, nach etwas anderem. Nach etwas, das noch niemand gefunden hatte. Nach Jahren des Ausprobierens, des Scheiterns und der Überarbeitungen patentierten sie den ersten Drachen mit aufblasbarer Kammer — was wir heute als Tube Kite oder LEI (Leading Edge Inflatable) kennen. Es war ein epochaler Durchbruch: ein Drachen, der aus dem Wasser neu gestartet werden konnte, der nicht versank, der sich kontrollieren ließ. Ein Drachen, der Fehler verzieh.
Die Legaignoux versuchten, ihn zu vermarkten. Die Zeit war, wieder einmal, noch nicht reif. Sie verkauften die Lizenz für ein paar Groschen. Doch sie hatten bereits alles verändert.
Die Szene verlagert sich nach Hawaii, der Wiege jeder Disziplin, die mit Wind und Wellen verbunden ist. Hier, Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre, begannen einige Pioniere, systematisch zu experimentieren. Unter ihnen ragte Laird Hamilton heraus, bereits eine Surf-Legende, der 1996 — zusammen mit Manu Bertin, Robby Naish und anderen — die Aufnahmen einer Kitesurf-Session auf Maui drehte, die um die Welt gingen.
Doch der Name, den die Geschichte als Vater des modernen Kitesurfens in Erinnerung behält, ist der von Flash Austin und vor allem der von Cory Roeseler, der bereits ab 1994 die ersten inoffiziellen Wettkämpfe auf dem Wasser mit Kite und Board organisierte. Und dann war da Raphaël Salles, der 1997 das erste echte Kitesurf-Zentrum der Welt in Frankreich eröffnete und die ersten Instruktoren ausbildete.
1998 war das Jahr des kommerziellen Durchbruchs: die ersten Schulen, die ersten Kits im Verkauf, die ersten Videos, die auf abgenutzten VHS-Kassetten kursierten. Wer diese Bilder sah — einen Menschen, der mit irrsinniger Geschwindigkeit über das Wasser gezogen wird und dann in die Luft abhebt, als wäre die Schwerkraft nur eine bloße Einbildung — wusste, dass er etwas Neues sah. Etwas, das er selbst ausprobieren wollte.
Das neue Jahrtausend brachte eine beispiellose Explosion mit sich. Die Boards verbesserten sich, die Drachen wurden sicherer, die Schnellauslösesysteme reduzierten die Risiken. Die World Kiteboarding Association (WKA) und dann die IKA (International Kiteboarding Association) begannen, die ersten Weltmeisterschaften zu organisieren.
Kitesurfen hörte auf, eine Subkultur von Unverbesserlichen zu sein, und wurde ein globaler Sport. Von den karibischen Küsten bis zu den ägyptischen Lagunen, von den brasilianischen Beach Breaks bis zu den griechischen Inseln — überall dort, wo es Wind und Wasser gab, entstanden Schulen, Communitys, Wettkämpfe. Die Strände füllten sich mit Farben. Der Himmel belebte sich mit Drachen.
In dieser Zeit entstanden auch die ersten großen Persönlichkeiten des Sports: Sanae Aït Said, Gisela Pulido — 10 Jahre in Folge Weltmeisterin ab 2004, mit gerade einmal 12 Jahren — Aaron Hadlow und dann Tom Bridge, Kevin Langeree, Karolina Winkowska. Namen, die zu Legenden werden sollten.
Es schien unmöglich, das Kitesurfen noch spektakulärer zu machen. Dann kam das Kitefoil.
Das Hydrofoil — eine Struktur, die das Board dank des hydrodynamischen Auftriebs vollständig aus dem Wasser hebt — war im Segelsport bereits bekannt. Doch es auf das Kitesurfen anzuwenden, veränderte alles. Plötzlich flogen die Rider buchstäblich über das Wasser, mit Geschwindigkeiten von über 50 Knoten, in nahezu absoluter Stille. Der Kontakt mit der Wasseroberfläche reduzierte sich auf ein Minimum. Das Gefühl von Freiheit wurde vollkommen.
Das Kitefoil öffnete auch die Tür zu den Regatten der reinen Geschwindigkeit. Im Jahr 2012 stellte Alexandre Caizergues den Kitesurf-Geschwindigkeitsweltrekord mit 54,10 Knoten (über 100 km/h) auf und übertraf damit jedes andere Segelfahrzeug. Im Jahr 2015 stieg der Rekord noch weiter. Kitesurfen war zum schnellsten Segelsport der Welt auf flachem Wasser geworden.
Es war unvermeidlich. Ein so spektakulärer, so technischer Sport, der so sehr in der Lage war, Publikum und Medien anzuziehen, konnte nicht für immer außerhalb der Olympischen Spiele bleiben.
Der Weg war nicht einfach. World Sailing — der internationale Verband, der alle Segelsportarten regelt — nahm das Kitefoil nach einem langen Bewertungsprozess in das olympische Programm auf. Die offizielle Entscheidung fiel: Kitesurfen sollte bei Paris 2024 eine olympische Disziplin sein.
Es war eine Nachricht, die viele Pioniere sich zwanzig Jahre zuvor nicht hätten vorzustellen gewagt. Blickten jene Jungs an den Stränden Hawaiis, mit ihren handgenähten Drachen und ihren umgebauten Windsurfboards, — im Guten wie im Schlechten — bereits in Richtung Olympia?
Wahrscheinlich nicht. Sie blickten auf den Wind.
Am 6. August 2024 kämpften in der Bucht von Marseille, unter einem Himmel, der wie für diesen Anlass gemacht schien, die besten Kitefoiler der Welt um die erste olympische Medaille in der Geschichte des Kitesurfens.
Die Formula-Kite-Regatten — sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen — waren ein unvergessliches Spektakel. Die Athleten flogen mit unglaublicher Geschwindigkeit über das Wasser, vollführten millimetergenaue Wenden und nutzten jeden Windhauch mit einer Präzision, die übernatürlich wirkte.
Gold im Kitefoil der Frauen gewann Lauriane Nolot (Frankreich), vor heimischem Publikum, unter Tränen und dem Jubel eines ganzen Landes. Bei den Männern ging das Gold an Riccardo Pianosi (Italien), der die Trikolore in diesem Sport höher als je zuvor trug.
Sie waren dort. Vom Wind eines chinesischen Drachens aus dem Jahr 1200, über die Skizzen aus der Bretagne von 1984, über die Strände von Maui in den 1990ern, bis zum Mittelmeer von Marseille. Achthundert Jahre Geschichte. Ein einziger roter Faden: der Wind.
Kitesurfen ist heute einer der am schnellsten wachsenden Wassersportarten der Welt. Millionen von Aktiven, Hunderte von Schulen, Dutzende verschiedener Disziplinen — Freestyle, Wave, Speed, Foil, Snowkite, Landkite — und eine globale Gemeinschaft, vereint durch dieses selbe urtümliche Gefühl: den Wind im Gesicht zu spüren, das Board unter den Füßen, und zu begreifen, dass man fliegt.
Hier bei Blue Tribe, auf diesen Gewässern des Mittelmeers, die nach Salz und Abenteuer schmecken, führen wir diese Geschichte jeden Tag weiter. Jeder Schüler, der zum ersten Mal seinen Drachen aufsteigen lässt, ist ein neues Kapitel dieser endlosen Geschichte.
Der Wind geht nie aus. Und der Traum auch nicht.
„Kitesurfen ist kein Sport. Es ist ein Gespräch mit dem Wind."